Forscher findet Sprecher ausgestorben gewähnter Indianersprache

13 December 2002

Die Sprachwissenschaftlerin Stella Telles der Freien Universität hat durch Zufall im Amazonengebiet einen Sprecher einer ausgestorben gewähnten Indianersprache gefunden. Eine alte Frau erweist sich als die einzige noch lebende Sprecherin der Sprache Lakondê. Die Sprachwissenschaftlerin entdeckte die Sprecherin während ihrer wissenschaftlichen Arbeit über die Sprache Latundê, eine verwandte Indianersprache, die noch von neunzehn Menschen gesprochen wird.

Die ursprünglich brasilianische Sprachwissenschaftlerin Stella Telles beschrieb in einem Projekt der niederländischen Organisation für wissenschaftliche Forschung (NWO) an der Freien Universität die mit Aussterben bedrohte Sprache Latundê. Nur noch neunzehn Indianer sprechen diese Sprache. Während ihrer Untersuchung entdeckte die Sprachwissenschaftlerin, dass einer der Indianer jedoch überhaupt kein Latundê sprach, sondern die tot gewähnte Sprache Lakondê.

Die Sprachwissenschaftlerin lebte vier Jahre lang ungefähr drei Monate pro Jahr mit den Indianern zusammen. Sie aß dieselbe Nahrung und lebte in einer schlichten Hütte. Sie schlief übrigens in einer Hängematte und nicht, wie es die Indianer gewohnt sind, in der Asche des Holzfeuers. Indem sie am alltäglichen Leben teilnahm, erlernte die Sprachwissenschaftlerin ihre Worte und Sätze. Die Forscherin lernte Latundê von Sprechern, die auch ein bisschen Portugiesisch sprachen. Die einzige Lakondê-Sprecherin beherrschte das Portugiesisch sehr gut.

Eine auffallende Gewohnheit der untersuchten Nambikwara-Indianer ist, dass sie nicht in Hängematten schlafen, sondern in der Asche eines erloschenen Holzfeuers. Umringende Indianervölker, die wohl den Komfort einer Hängematte kennen, sehen darauf herab. Die Nambikwara fühlen sich den Brasilianern kulturell minderwertig gegenüber. Das ist der wichtigste Grund, weshalb sie ihre Sprache aufgeben. Außerdem leben die Latundê mit zwei anderen, wirtschaftlich erfolgreicheren Indianergruppen zusammen. Die Latundê passen sich der dominanten Kultur an und lernen ihren Kindern nicht mehr die Muttersprache.

Soweit bekannt, ist die Nambikwara-Sprachgruppe jeglichen anderen Sprachgruppe nicht verwandt. Sie unterscheiden sich sehr von anderen Sprachen Südamerikas. Zum Vergleich: Es ist wohl nachweisbar, dass das Niederländische und das Neupersische miteinander verwandt sind.

Insgesamt leben noch circa elfhundert Sprecher einer der Nambikwara-Sprachen. Drei Amsterdamer Doktoranden untersuchen jeder eine andere Nambikwara-Sprache. Das Projekt möchte die ursprüngliche Nambikwara-Sprache rekonstruieren. So wird mehr bekannt über die Geschichte und die Herkunft der Nambikwara, die als eine der ersten Gruppen die das Amazonengebiet bevölkert haben, betrachtet wird.



Nähere Informationen bei
  • dem Doktorvater Prof. Dr. W.L.M. (Leo) Wetzels (Freie Universität, Französische Sprache und Kultur)
  • Tel. +31 (0)20 4446458
  • Email: wlm.wetzels@let.vu.nl.
Stella Telles promoviert am 19. Dezember. Sie spricht kein Niederländisch, wohl aber Portugiesisch und Englisch und ist am besten über Email unter stellatelles@hotmail.com zu erreichen. Nach dem 9. Dezember ist sie einige Tage in der Niederlande.


Latundê Terezinha backt das traditionelle Brot'Beiju', hergestellt aus geraspelter Maniocwurzel. (Foto: Stella Telles)